Pferdepsychologie Linda Schüller

Aufsteigen oder „Zusteigen, zusteigen – die nächste Fahrt geht rückwärts!“

„Ja, das Pferd läuft beim Aufsteigen immer los; am besten ist es, wenn Sie sich einfach schnell in den Sattel schwingen und das Ganze ignorieren.“
Diese Aussage erhielt eine Kundin beim Kauf ihres Pferdes. Sie befolgte den Ratschlag und es ging auch ein paar Monate ganz gut.
Irgendwann aber startete das Pferd nicht mehr im Schritt, sondern im Trab oder Galopp, während jemand in den Sattel steigen wollte.

Aber was bedeutet es eigentlich, wenn mein Pferd losläuft, während ich gerade aufsteigen will?

Knappe Antwort:
Ich habe nicht die Erlaubnis meines Pferdes aufzusteigen.

Das kann zum Einen daran liegen, dass ich gar nicht gefragt habe. Vielleicht habe ich das Problem gar nicht als solches erkannt oder als nicht so dramatisch empfunden. Es hat sich eben so eingebürgert, dass ich zur Reitstunde meistens spät dran bin oder mal „eben schnell“ noch ’ne Runde reiten will. Ich schwinge mich auf mein Pferd, mein Pferd geht los und ich korrigiere nicht, weil ich ja ohnehin jetzt in diese Richtung reiten wollte. Dann steige ich eben während der Fahrt zu, dann bin ich ja auch schneller am Ziel.
Schön öfter habe ich die Aussage gehört: „Mein Gott, so schlimm ist das jetzt auch wieder nicht“.

Eine andere Möglichkeit ist, dass ich mein Pferd zwar um Erlaubnis gefragt habe, es aber nein gesagt hat. Das kann natürlich einerseits z.B. mit Schmerzen im Rücken zusammenhängen, die immer dann (verstärkt) auftreten, wenn ich mein Gewicht auf den Rücken des Pferdes bringe. Es kann aber auch mit einer anderen Erfahrung zusammenhängen, die das Pferd mit dem Aufsteigen oder dem Reiten an sich verbindet. Vielleicht ist das Pferd mit meiner Art zu reiten, am Zügel zu ziehen oder meinem unruhigen Sitz nicht einverstanden. Vielleicht ist es mit meinem Trainingsplan überfordert und daher gestresst. Vielleicht hat es einfach (noch) nicht genug Vertrauen zu mir aufgebaut, als dass es mich freiwillig auf seinem Rücken dulden würde.

Welcher Grund auch hier der Auslöser für das Verhalten ist: Das Aufsteigen kann gefährlich werden!

Und diese Gefahr kann ich vermeiden!

Was kann ich also tun, um das Problem zu vermeiden, oder ein bereits bestehendes Problem zu lösen?

Ich muss meinem Pferd ganz viel Ruhe und Geduld entgegenbringen. Ich muss herausfinden, wo das Problem beginnt. Wird das Pferd unruhig, wenn ich aufsteigen will oder zeigt es schon beim Satteln Unwohlsein oder gar, wenn ich es in der Box oder auf der Wiese aufhalftern möchte? Genau an dieser Stelle muss ich ansetzen.
Erwarte ich vielleicht zu viel von meinem Pferd? Und ja, auch ein Pferd, das seit Jahren täglich geritten wird, kann mit dieser Aufgabe psychisch überfordert sein.
Vielleicht muss ich ein paar Tage oder Wochen auf das Reiten verzichten und mich vom Boden aus langsam an das eigentliche Problem herantasten.

Ich möchte, dass auch mein Pferd Spaß an meinem Hobby „Reiten“ hat.

Wie siehst du das?

2 thoughts on “Aufsteigen oder „Zusteigen, zusteigen – die nächste Fahrt geht rückwärts!“

  1. Christiane Lichtken- Stobinski

    Vielleicht hat es aber einfach ein Problem damit, das seitlich ein Gewicht den Sattel herumzieht und somit die Dornfortsätze der Wirbel seitlich verbogen werden. Auf dem Bild sieht man jemand aufsteigen, ohne Aufsteighilfe. Die Diskussion wurde schon vor Jahren geführt und logisch Denkende haben erkannt: Pferdeschonend ist die Aufsteighilfe und damit das Problem meist behoben.

    1. admin Post author

      Hallo!
      Ja, Schmerzen sollten immer ausgeschlossen/behandelt werden, bevor man verhaltenstherapeutisch mit dem Pferd arbeitet.
      Eine Aufstieghilfe ist oftmals sinnvoll, da sie dem Reiter erlaubt, das Gewicht von oben in den Sattel zu bringen und nicht von der Seite. Das kommt den Dornfortsätzen aber natürlich auch der Balance des Pferdes insgesamt entgegen.
      Wenn ein Pferd jedoch ein Problem mit dem Aufsteigen oder Geritten werden im Allgemeinen hat, passiert es häufig, dass es dann auch ein Problem mit der Aufstiegshilfe oder dem Ort, an dem der Mensch üblicherweise aufsteigt (Menschen sind ja auch Gewohnheitstiere 😉 ) entwickelt.
      Jeder Reiter, der sich mit seinem Pferd mehr als ein paar Kilometer im Gelände von seinem Stall entfernt, sollte in der Lage sein, auch ohne Aufstiegshilfe mit der Erlaubnis seines Pferdes in den Sattel zu gelangen. Es können immer mal Situationen auftreten, in denen man -aus welchen Gründen auch immer- unterwegs vorrübergehend absteigen muss. Wenn dann das Pferd nichts anderes als z.B. die gewohnte blaue Aufstiegshilfe kennt, kann es Probleme geben.
      Das Bild zeigt übrigens ein Pferd, das mit dem Aufsteigen einverstanden war – und nicht meine Kundin 😉
      Viele liebe Grüße
      Linda

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