Pferdepsychologie Linda Schüller

Schreckgespenster

Vor ein paar Tagen war es zwar heiß, aber sehr windig, so nutzen mein Pferd und ich die seltene bremsenfreie Zeit für einen Spaziergang.
Kurz nach Verlassen des Hofes kam uns ein Trecker entgegen und wir mussten in die Botanik ausweichen. Ich geriet mit meinem – aufgrund des Sommers in eine kurze Hose gekleideteten – Bein in eine riesige, vertrocknete Distel.
Während wir weitergingen und um die nächste Ecke bogen, zupfte ich noch einzelne Stacheln aus meiner Wade und verfluchte die Schmerzen im Bein.
Und dann war es auch schon passiert: Mein Pferd erstarrte zur Salzsäule und ich konnte sehen, wie sie immer größer wurde!
600kg pure Anspannung, ganz kurz vorm Explodieren.

Nun bin ich mit 1,81m ja recht groß, wenn aber die Ohrenspitzen meiner Stute in 3m Höhe senkrecht nach oben stehen, obwohl sie sonst in der Regel auf meiner Schulterhöhe vor sich hin wackeln, ist das auch für mich recht imposant.

Ich schaute also in die Richtung ihres Interesses und sah auch gleich das Gespenst: Der Bauer hatte die Strohballen, die gestern noch gold-gelb die Landschaft erleuchteten, mit einem großen grünen Vlies abgedeckt, dessen Enden nun fröhlich im Wind flatterten.

Tja, was nun. Neben mir die Pferdestatue, kurz vor der Kehrtwende im Galopp zurück zum Stall, vor mir das große grüne Ungeheuer.

Wie konnte das überhaupt passieren?
Mir, die in ihrem Workshop „Pferde sicher führen“ immer propagiert, wie wichtig Fokus und vorausschauendes Handeln ist. Mir, die in jedem Pferdetraining gebetsmühlenartig erklärt, dem Pferd gedanklich immer einen Schritt voraus zu sein, um Gefahren besser einschätzen zu können.

Was hatte ich also falsch gemacht?
Ich war achtlos auf dem Weg weiter gestolpert und gar nicht bei der Sache. Mein Pferd fühlte sich nicht von mir beschützt, sondern allein gelassen, weil ich mit anderen Dingen beschäftigt war.
Ich hätte stehen bleiben, die Distel aus meiner Haut entfernen und erst dann weitergehen sollen. Dann hätte ich das Vlies vermutlich als erstes gesehen und hätte den Fokus meines Pferdes viel leichter umlenken können. Es wäre gar nicht erst zu diesem starken Grad der Anspannung gekommen.

„Echte Weltverbesserer kehren mindestens einmal wöchentlich, vor der eigenen Tür“
Werner Mitsch

Einmal tief durchgeatmet konnte ich meine Stute überreden, noch einige Schritte weiter zu gehen, so dass wir etwas auf und ab gehen konnten, ohne uns dem tanzenden Vlies weiter anzunähern.
Fluchttiere bauen Erregung über die Bewegung ihrer Beine ab. Diese Bewegung, ohne sich der Gefahr nähern zu müssen, tat ihr gut, und nach einiger Zeit konnte sie sogar schon wieder am Wegesrand grasen.
Ein wenig später konnten wir dann unseren Weg fortsetzen.

Auf dem Rückweg trafen wir dann auf weitere pferdische Salzsäulen und einen kleinen Hund, der sich laut bellend todesmutig zwischen Pferde und Vlies stellte, um seine Pferde zu schützen.
Auf Höhe des Vlieses machten wir dann noch eine kurze Pause zum Grasen und gingen dann weiter zurück zum Stall.

Auf dem Hof angekommen wehte uns eine knisternde, weiße Plastiktüte entgegen – etwas, was mein Pferd in der Regel völlig kalt lässt – aber nach dem heutigen Erlebnis und der nun erhöhten Grundspannung erschien die Tüte ihr dann doch unheimlich.

Aber: Nun war ich wieder besser vorbereitet und voll bei der Sache. So konnte ich frohen Mutes direkt auf die Tüte zugehen und meinem Pferd die Angst nehmen.

Danke, mein wunderbares Pferd, dass ich immer noch jeden Tag von dir lernen darf.

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