Pferdepsychologie Linda Schüller

Kommando vs. Kommunikation

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, wie man einem Pferd beibringen kann, sich „auf Kommando“ hinzulegen.
Ich erzählte, auf welche Art ich dem betreffenden Pferd vorschlagen würde, sich hinzulegen.
Es folgte die Frage: „Und wenn das Pferd nicht will?“

Dann gibt es 2 Möglichkeiten:

  1. Ich setze mich durch. Ich zwinge das Pferd, meiner Aufforderung nachzukommen. Dabei gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen und je nach Anwender und Pferdetyp natürlich unterschiedliche Stresslevel für alle Beteiligten. Zum Zwang zählt für mich zum Beispiel das Hochhalten oder gar Hochbinden eines Vorderbeins, so dass das Pferd gar keine andere Möglichkeit hat, als sich irgendwann hin zu legen.
  2. Ich wiederhole meinen Vorschlag an das Pferd, sich hinzulegen.
    Ich überlege, ob das „nein“ meines Pferdes evtl. körperliche Ursachen haben könnte. Hat es Schmerzen? Liegt das Pferd in seiner arbeitsfreien Zeit oft? Weiß ich überhaupt, was mein Pferd den ganzen Tag so treibt, oder sehe ich es nur, wenn ich auch mit ihm arbeiten will? Bleibt mein Pferd entspannt liegen, wenn ich mich ihm auf der Weide oder in der Box nähere oder steht es auf?
    Ich versuche zufälliges Hinlegen z.B. beim Wälzen mit einem bestimmten Zeichen zu verbinden und wiederhole dies, so oft sich mir die Gelegenheit dazu bietet.
    Ich fange an, die Welt aus Sicht meines Pferdes zu betrachten.
    Wie sieht mein Vorschlag wohl aus Sicht des Pferdes aus? Wie viel Druck habe ich aufgewendet? Mit meiner Stimme, meiner Körpersprache oder einem Hilfsmittel wie einer Gerte o.Ä.? War mein Vorschlag eher eine Aufforderung oder ein Angebot?
    Welchen Platz habe ich für meine Übung ausgesucht? Fühlt mein Pferd sich im Allgemeinen oder z.B. in der Reithalle nicht sicher? Wie kann ich dem Pferd mehr Sicherheit vermitteln?
    Welche Tageszeit habe ich ausgewählt? Hat mein Pferd vielleicht kurz vor meiner Ankunft am Stall bereits ein ausgiebiges Sandbad mit seinen Kumpels genossen?
    Was hat mein Pferd vielleicht heute sonst noch erlebt? Ist es ausgeglichen? Ist es angespannt oder irritiert wegen irgendetwas? Steht vielleicht die Fütterungszeit kurz bevor?
    Gibt es evtl. Unstimmigkeiten in unserer Beziehung? Wie gehen wir sonst miteinander um?Warum will ich überhaupt, dass mein Pferd sich hinlegt? Will ich das Vertrauen zwischen mir und meinem Pferd erhöhen oder will ich mir selbst oder anderen beweisen, dass mein Pferd mir vertraut?Vielleicht lerne ich, Situationen zu erkennen, in denen mein Pferd mehr in der Stimmung ist, sich zu wälzen oder hinzulegen und Situationen, in denen es überhaupt nicht daran denkt. Vielleicht kann ich gute Gelegenheiten beeinflussen.

    Es gibt sicherlich Dinge, bei denen aus Sicherheitsgründen der Mensch das Sagen haben, und ein Kommando auch einmal vehement durchsetzen muss. Bei dem Übergang einer viel befahrenen Straße zum Beispiel. Beim Reiten über eine schmale Brücke. Aber warum brauche ich einen Befehl fürs Hinlegen?

    Wenn du mit deiner besten Freundin ein Eis essen gehen möchtest, sie aber keine Lust hat: Was tust du? Schleifst du sie an den Haaren ins Eiscafe und erwartest, dass sie dann auch noch ein fröhliches Gesicht macht? Oder akzeptierst du ihr nein und freust dich einfach auf eine andere Aktivität mit ihr?

…Und jetzt entscheidest du: Welcher Weg ist der schnellste? Welcher Weg ist der fairste?
Und welchen Weg würde wohl dein Pferd wählen, wenn es die Wahl hätte?

2 thoughts on “Kommando vs. Kommunikation

  1. Berit Seiboth

    Raija habe ich das Liegen auch beigebracht. Es hat aber über 2 Jahre gedauert. Es lag nicht daran, dass sie mir nicht vertraut hat. Sie war aber immer ein Pony was lieber Aktion mag als ruhige Sachen. Ich sehe sie auch heute selten liegend. Und wenn sie mal liegt und ich komme springt sie hoch in Erwartung von Aktion. Als ich eine Nacht auf dem Paddock geschlafen habe, hat sie sich neben mich gelegt und mit mir zusammen geschlafen dabei hat sie auch geträumt. Das war für mich der schönste Moment mit ihr. Ich fühlte mich in der kleinen Herde aufgenommen.
    Inzwischen legt sie sich auf Kommando sehr schnell und gerne hin, da sie dann am meisten belohnt wird.
    Das Liegen haben wir auch über das Wälzen erarbeitet. Von der Methode mit der Longe halte ich gar nichts. Obwohl bei einem Kurs die Trainerin ihr das so beibringen wollte. Dabei ist Raija durchgedreht und ich habe das abgebrochen. Seitdem vertraue ich mir mehr als irgendeinen Trainer.

    1. admin Post author

      Wie schön, dass du so genau auf deine Stute achtest! Wenn Pferde mit ihrem Einverständnis etwas lernen, ist es meistens ein dauerhafter Erfolg und viel mehr Wert als jede Hau-ruck-Methode.
      Und egal, was ein Profi Trainer auch empfiehlt: Wenn es dem eigenen Bauchgefühl widerspricht, sollte man es nicht tun.
      Viele liebe Grüße!

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