Pferdepsychologie Linda Schüller

Grundversorgung der Pferde in Zeiten von COVID-19

Was braucht ein Pferd, um psychisch und physisch gesund zu bleiben?

Vorab: Alle hier dargestellten Regelungen wurden nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert und eingeschätzt. Ich gebe jedoch weder eine Garantie auf Richtigkeit/Vollständigkeit noch auf Rechtsverbindlichkeit.

Aktuell gibt es aufgrund der Coronavirus Sars-CoV-2 Pandemie umfängliche Einschränkungen im öffentlichen Leben.

Zusammenkünfte von mehr als 2 Personen sind beispielsweise verboten, viele systemirrrelevante Berufe dürfen zur Zeit nicht ausgeübt werden., Spielplätze und Sportanlagen wurden geschlossen.

Die Einschränkungen in der Öffentlichkeit dienen dazu, Kontakte zwischen Menschen zu vermeiden bzw zu verringern, um die Ansteckungsrate mit COVID19 zu verringern und die Kurve der Verbreitung des Virus abzuflachen, um einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu vermeiden.

Auch wenn du selbst dich jung und fit fühlst und das Virus nicht fürchtest, könnte durch dein Zutun ein bereits vorerkrankter Mensch in deinem Umfeld, oder im Umfeld deiner Bekannten, schlimm erkranken.

Wir sind Pferdemenschen und ich halte es für selbstverständlich, auch in meinem menschlichen Umfeld aufeinander zu achten und Rücksicht zu nehmen.

Aber was geschieht nun mit unseren Pferden?

In Deutschland gilt das Tierschutzgesetz (TierSchG). Gemäß § 2 S.1 Nr.1 TierSchG haben Tierhalter dafür zu sorgen, dass das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend ernährt, gepflegt und untergebracht wird und sich artgemäß bewegen kann. Gemäß § 2 S.1 Nr.2 TierSchG darf, wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) führt wie folgt aus:

Zum aktuellen Zeitpunkt ist nicht absehbar, wie eine Ausgangssperre in Deutschland konkret aussehen und welche Ausnahmen es in den Bundesländern geben könnte. Nach fachlicher Einschätzung der FN muss auch bei einer Ausgangssperre die notwendige Versorgung und Bewegung der Pferde sichergestellt werden. Das zuständige Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hält diese FN-Position für nachvollziehbar und berechtigt.“ (Quelle: https://www.pferd-aktuell.de/coronavirus „Was gilt für private Pferdehalter?“)

Weiter führt sie zur Definition der Grundversorgung wie folgt aus:
„Die Grundversorgung besteht aus der pferdegerechten Fütterung, der Pflege und Kontrolle der Unterbringung der Pferde sowie aus der täglichen Kontrolle der Tiere auf Krankheiten und Verletzungen. Darüber hinaus benötigen einige Pferde eine weitreichendere tägliche Betreuung, z.B. die Gabe von Medikamenten und Zusatzfuttermitteln, das Bedampfen oder Befeuchten von Heu oder das Wechseln von Verbänden. Die notwendige, tägliche Versorgung ist dementsprechend individuell auf das jeweilige Pferd abzustimmen.“
(Quelle: https://www.pferd-aktuell.de/coronavirus „Darf ich noch zum Pferd? Darf ich noch reiten?“)

Das Pferd auf dem eigenem Grundstück

Wenn dein Pferd mit dir auf deinem eigenen Grundstück lebt, musst du dir vermutlich keine großen Gedanken machen. Du kannst dein Pferd weiterhin umfänglich versorgen und nach aktuellem Stand wohl auch noch alleine oder mit einer weiteren Person ausreiten.

Du solltest dir allerdings auch in dieser Situation bereits Gedanken gemacht haben: Was passiert, wenn du selbst krank werden solltest? Gibt es eine Person, die zur Not einspringen könnte? Die deine Pferde kennt und weiß, worauf zu achten ist, welches Pferd wann welches Futter bekommt oder einen besonderen Pflegebedarf hat.

Ist dein Heuvorrat groß genug, damit eine Vertretung im Notfall vier Wochen damit auskommt? Ist möglicherweise erforderliches Spezialfutter in ausreichenden Mengen vorhanden?

Wo beziehst du dein Heu? Stelle sicher, dass auch für den Fall, dass dein Heulieferant Einzelunternehmer ist und plötzlich krankheitsbedingt ausfallen sollte, deine Pferde dennoch gut versorgt sind!

Die kleine Selbstversorger-Gemeinschaft

Wenn du dein Pferd als Selbstversorger auf einem fremden Grundstück hältst oder Mitglied einer kleinen Selbstversorger Gruppe bist, solltet ihr euch in dieser aktuellen Situation gut absprechen und wenn möglich zu unterschiedlichen Zeiten am Stall erscheinen.

Sofern bestimmte Arbeitsdienste, vielleicht das Hereinholen der Pferde, das Heu-Abladen oder andere Dinge Teamarbeit erfordern sollten, stellt sicher, dass ihr in festen Team zusammen arbeitet und diese Teams jeweils im Wechsel eingesetzt werden.

Es ist niemanden – und am wenigsten den Pferden – geholfen, wenn ein Mitglied der Stallgemeinschaft erkrankt und der Rest der Gemeinschaft vorsorglich unter häusliche Quarantäne gestellt wird und die Versorgung der Pferde nicht mehr sichergestellt werden kann.

Pferde in größeren Pensionsställen

In größeren Pensionsställen gibt es gewisse Routinen der jeweils vertraglich vereinbarten Versorgung, die jedem Einstaller bei Beginn des Vertragsverhältnisses mitgeteilt werden.
Nun gibt es leider heutzutage viele Krankheiten unserer Pferde, die einen besonderen Pflegebedarf begründen. Sei es die Lungenerkrankung und die Athrose mit besonderem Bewegungsbedarf, die Stoffwechselerkrankung mit besonderem Fütterungsbedarf oder akute Erkrankungen wie eine Augenentzündung oder die Kolik, bei der ein frühzeitiges Erkennen und Eingreifen erforderlich ist.

Dies kann oftmals in großen Betrieben nicht ausreichend sichergestellt werden, so dass eine Mitarbeit der Pferdebesitzer selbst unverzichtbar ist.

Wenn du zu meinen regelmäßigen Lesern gehörst, liegt dir dein Pferd vermutlich sehr am Herzen und niemand kennt dein Pferd besser als du. Du erkennst vermutlich bereits auf den ersten Blick, ob dein Pferd Kolik Symptome zeigt oder Fieber hat, während andere Anwesende vielleicht noch nichts Schlimmes ahnen.

Pferde sind Lauftiere. Dennoch gibt es Gründe, die eine Unterbringung in einer Einzelbox mit täglichem Ausgang mit der Herde rechtfertigen.
Aber auch in Offenstall-Haltung gibt es häufig Konstellationen, die ein tägliches Herausnehmen des Pferdes erfordern, z.B. wenn der vorhandene Platz zur freien Bewegung nur klein ist oder die Fixpunkte, die ein Pferd täglich erreichen muss sehr dicht beieinander liegen und das Pferd sich daher in der Regel ohne menschliches Zutun nicht ausreichend bewegt, um dauerhaft gesund zu bleiben.

Ein Pferd, das aufgrund der Stallroutine ohne dein Zutun den überwiegenden Teil des Tages (das bedeutet mehr als 12h, rechne mal nach!) in der Box verweilt, braucht täglich dringend zusätzliche Bewegung.

Es gibt einen Unterschied zwischen Bewegungsbedarf und Bewegungsbedürfnis eines Pferdes.

Das Bewegungsbedürfnis ist individuell und hängt von den Haltungsbedingungen und der Verteilung der Fixpunkte ab, die das Pferd täglich erreichen muss (Futter, Wasser, Schlafplatz, Platz für Ausscheidungen, interessante Dinge, die untersucht werden wollen).

Der Bewegungsbedarf hingegen ist unabhängig von den Haltungsbedingungen und bei jedem Pferd (nahezu) gleich. Für die Gesunderhaltung von Bewegungsapparat (z.B. Bildung von Gelenkschmiere), Kreislauf sowie der Verdauung ist ein Mindestmaß an täglicher Bewegung erforderlich.

Unter natürlichen Bedingungen laufen Pferde täglich zwischen 10 und 16 Kilometer im Schritt, in diesem Rahmen wird somit auch der Bewegungsbedarf liegen.

Für die Psyche deines Pferdes ist es wichtig, dass in diesen turbulenten Zeiten der Sicherheit gebende Tagesablauf erhalten bleibt. Innerartliche Sozialkontakte sind wichtig genauso wie ausreichend freie Bewegung.

Wenn die freie Bewegung aufgrund der Haltungsbedingungen jedoch nicht ausreicht, den Bewegungsbedarf deines Pferdes zu decken, solltest du es täglich zusätzlich bewegen.

Im Rahmen der aktuellen Lage halte ich 30 Minuten Schritt pro Tag für das absolute Mindestmaß. Bei einer durchschnittlichen Geh-Geschwindigkeit von 6 km/h kommst du somit immerhin auf drei Kilometer.

Thermografische Untersuchungen bei Pferden haben ergeben, dass erst nach 20 Minuten Schrittarbeit die Muskulatur des Pferdes soweit aufgewärmt ist, dass sie für schnelle Gangarten mit höherer Gelenkbelastung vorbereitet ist.
Dein Pferd braucht die Bewegung für den gesamten Stoffwechsel, der auf langsame Bewegung über viele Stunden ausgelegt ist, zur Gesunderhaltung der Muskulatur und der Gelenke. Da das Fluchttier Pferd Erregung grundsätzlich über die Bewegung seiner Beine abbaut, ist dieses Mindestmaß an Bewegung auch für die psychische Gesundheit unerlässlich.

Das Frühjahr kommt und die Pferde verlieren nun ihr Winterfell. Mindestens einmal pro Woche, bei eingedeckten oder stoffwechselerkrankten Pferden noch öfter, solltest du das Fell deines Pferdes bürsten und die losen Haare entfernen.

Es erklärt sich wohl von selbst, dass du alle anderen Dinge am Stall ebenfalls auf das Mindestmaß zurückfahren solltest.

Das bedeutet: Kein Kaffeeklatsch am Stall, keine Grundsatzdiskussionen über das Trainingsgebahren deiner Miteinstaller, kein angeregter Austausch über die neuste Kollektion des Reitsportladens um die Ecke. Nutze diese besondere Zeit, dich nur auf dein Pferd zu konzentrieren und dein Pferd (und dich) gesund durch diese Zeit zu bringen.

Mehr Zeit fürs Pferd

Um den Besucherstrom zu kanalisieren und einen Überblick zu behalten, wurden an vielen Ställen bereits tägliche Zeitkontingente vergeben oder gar feste Uhrzeiten vorgeschrieben, an denen die Einstaller ihr Pferd besuchen können.

Was erschwert die soziale Distanz an größeren Pensionsställen?

Sämtliche Sozialräume sind ohnehin gesperrt und dürfen wenn überhaupt nur einzeln betreten werden. Die Sattel- und Futterkammern allerdings sind in der Regel noch kleiner und bergen oftmals viele sehr enge Kontakte, wenn mehrere Leute unter der Woche nach der Arbeit gleichzeitig ihre Pferde für die Arbeit vorbereiten. Gleiches gilt für die Raucherbereiche, sofern an deinem Stall besondere Stellen dafür vorgesehen sind.
Du solltest also versuchen, deinen Aufenthalt an diesen Ballungspunkten zu vermeiden, oder aber so kurz wie möglich zu halten.

Wenn irgendwie möglich, nimm dein Futter mit nach Hause. Heu wirst du nur im Stall für den nächsten Tag vorbereiten können, aber die Kraftfutterportionen kannst du gut zuhause oder am Auto vorbereiten und die fertigen Schüsseln mit zum Pferd nehmen. Du sparst Zeit am Stall und vermeidest den Aufenthalt in der Futterkammer.

Nimm dein Halfter, dein Arbeitsseil und was du sonst für die Beschäftigung mit deinem Pferd dringend benötigst mit nach Hause und bringe sie täglich zum Pferd mit. So hast du alles griffbereit und vermeidest den Aufenthalt in der Sattelkammer.

Wenn dein Pferd kein Leistungssportler ist (Erinnere dich: Mittlere Arbeit beginnt bei einer Stunde Trab am Stück!), muss dein Pferd keineswegs jeden Tag geritten werden.

Viel wichtiger ist die langsame und stetige Bewegung. Natürlich ist Gymnastizierung wichtig und dient der Gesundheit deines Pferdes. Du kannst dein Pferd aber auch sinnvoll vom Boden aus gymnastizieren und sparst somit die Zeit, in der du den Sattel holen und fest gurten musst sowie natürlich den Aufenthalt in der Sattelkammer.

Wenn dir andere Menschen zu nah kommen, weil sie dir was wichtiges erzählen oder dich etwas fragen wollen, erinnere sie höflich aber bestimmt an den Mindestabstand von zwei Metern!

Das hat in diesen Zeiten eher etwas mit Höflichkeit als mit Unhöflichkeit zu tun, denn du schützt damit auch die andere Person und ihr Umfeld, auch wenn die andere Person die ganze Angelegenheit vielleicht nicht ernst nehmen sollte.

Versuche mit deinem Stallbetreiber und der Stallgemeinschaft eine gute Lösung für alle Beteiligten zu finden. Wenn alle an einem Strang ziehen, geht es meist leichter.

Dein Stallbetreiber hat vermutlich selbst Sorge um seine Gesundheit und die seiner Familie. Er steht in einem immensen Spannungsfeld zwischen den Anforderungen der Einstaller und denen der Ordnungsbehörden. Letztere kontrollieren die Einhaltung der Vorsichtsmaßnahmen und verhängen empfindliche Bußgelder, die im Falle eines Verstoßes sehr wahrscheinlich sowohl den Stallbetreiber, als auch die beteiligten Einstaller treffen würden.

Ich habe aber noch eine Bitte an dich. Wenn du bisher aufgrund deiner persönlichen Situation, deinen Arbeitszeiten oder sonstigen Gründen es nicht öfter als 2x pro Woche zum Pferd geschafft hast, behalte diese Routine bitte auch jetzt bei. Für dein Pferd wird es keinen Unterschied machen.

Wenn ich auf einer Reitsportmesse bin, interessieren mich gar nicht die großen Shows. Mein Augenmerk liegt immer darauf, wie ein Trainer damit umgeht, wenn etwas nicht klappt. Lässt er sich von der Atmosphäre beeinflussen und setzt sein Pferd unter Druck, weil die Show schließlich weiter gehen muss? Oder setzt er die Beziehung zu seinem Pferd über alles andere und ist seinem Pferd in dieser Ausnahmesituation vor vielen Zuschauern ein echter Partner?

In der Krise zeigt sich der Charakter.“ (Helmut Schmidt)

Und so ist es auch in der aktuellen Zeit.

Nehmt Rücksicht aufeinander und sichert die Gesundheit eurer Pferde.

Alles Gute und bleib‘ gesund!

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