Pferdepsychologie Linda Schüller

Emotionale Fitness

Ich sitze im Hochsommer nach einem stressigen Tag im Büro in meinem roten Auto und will nach Hause fahren. Ich schwitze, ich bin genervt, ich hab Hunger und der Weg ist noch weit.
Ich fahre eine stark befahrene Straße entlang, als ich einen Krankenwagen mit Blaulicht auf der Gegenfahrbahn stehen sehe, der rechts blinkt.

Na gut, ich halte mal an. Keine Ahnung, was der vor hat. Aha, er will drehen…
…Ja, mach hinne! Ich hasse Warten!
Oh nein, das darf nicht wahr sein, hinter dem Krankenwagen steht ein kaputtes Auto, und jetzt drängeln schon die Autos von dahinter hinter dem Krankenwagen her!

Ok, Krankenwagen weg, ich will losfahren. Geht aber nicht, weil mir ein Auto nach dem nächsten entgegen kommt. Hallo, das ist meine Fahrspur, ich habe Vorfahrt!!
Ich fahre schon mal ein Stück vor. Aber die Schlange aus dem Gegenverkehr reißt nicht ab.
Ich bin stinkesauer.
Ah, da ist ja ein Polizist. Gott sei Dank. Der wird ja wohl jetzt eingreifen.
Hallo??
****** ***** (Schimpfwort, zensiert)
Ah ja, jetzt bequemt er sich mal, den Gegenverkehr in die Schranken zu weisen. Wird auch Zeit!

Ich fahre schon mal los. Der Opa in der hässlichen Karre da vorne wird ja gerade von dem Polizisten zur Seite gescheucht. Und wenn ich erst mal in der Engstelle neben dem kaputten Fahrzeug bin, wird er schon zur Seite fahren.
Puh, geschafft, ich bin durch.
Um meinen Druck loszuwerden, fahren ich erst mal mit 70 km/h durch die Stadt.
…Und werde tatsächlich noch von dem grünen Fahrzeug hinter mir mit ca.90 Sachen überholt.

Als ich mich ein paar Kilometer weiter wieder beruhigt habe, überlege ich, wie die ganze Situation vielleicht entstanden sein könnte. Dass der Fahrer des Krankenwagens auch keinen schönen Job hat. Wer weiß, wie lange er warten musste, bevor er – trotz Blaulicht! – losfahren konnte. Und der Fahrer des Krankenwagens schien noch der Entspannteste in der gesamten Situation gewesen zu sein.
Warum haben die Autos vor mir nicht angehalten, die müssen doch auch das Blaulicht gesehen haben? Lernt man das nicht in der Fahrschule?
Oder haben die anderen Fahrer es vielleicht nicht gesehen, weil sie auch schon genervt von der Hitze und dem Verkehr waren und schnell nach Hause wollten?
Wie lange mögen wohl die Fahrer der Autos aus der Gegenrichtung bereits gewartet haben, bis sie die Gunst der Stunde genutzt und sich hinter den Krankenwagen geklemmt haben?
Und wie ging es wohl dem Fahrer hinter mir, der es mir im Überholvorgang in der Stadt mit 90km/h noch mal so richtig gezeigt hat? Hatte er vielleicht sogar Schaum vor dem Mund?

Wir nehmen viele Sachen nicht sofort wahr, weil wir emotional sind und das Gehirn in der Zeit auf stand-by.

Das passiert in alltäglichen Situationen, beim Auto fahren, beim Einkaufen oder auch im Umgang mit dem Pferd.
Es kann helfen, auch schwierige Situationen mit dem Pferd im Nachhinein mal Revue passieren zu lassen und mit Abstand zu betrachten.
Wie waren die Begleitumstände? Wie war mein eigenes Verhalten?
Habe ich mich selbst vor irgendetwas erschrocken, war ich angespannt wegen irgendwas, was zuvor passiert ist, war ich unkonzentriert, habe ich mich unterhalten oder vielleicht gerade eine whatsapp getippt und die eindeutigen Signale meines Pferdes übersehen?
Gab es Geräusche, Bewegungen in der Umgebung, Gerüche o.Ä., die mein Pferd beunruhigt haben könnten? Hätte ich mein Pferd auf eine bestimmte Situation evtl. besser vorbereiten können?

Worauf habe ich mich bei Beginn der Situationen, die meist weit vorher angefangen hat als der tatsächliche Schreckmoment, konzentriert? Und worauf hätte ich mich eigentlich konzentrieren sollen?

Wie habe ich mich nach dem Schreckmoment verhalten? Warum habe ich meinem Pferd, nachdem es sich erschrocken hat, auch noch im Maul gerissen? Hätte ich nicht meine eigenen Emotionen hinten anstellen und erst mal das Pferd beruhigen können? Wäre ich ihm das nicht schuldig gewesen? Erwarte ich nicht auch sonst von ihm, dass es mich als Leittier anerkennt und tut, was ich ihm sage?
Habe ich das Pferd vielleicht angeschrieen, weil es sich erschreckt hat und ich meine Stimme nicht unter Kontrolle hatte? Und wie zielführend mag das wohl gewesen sein? Wird es jetzt denken: „Ach so. Mein Mensch brüllt, ich soll mich also nicht erschrecken. Ok, dann bleib ich beim nächsten Mal eben gelassen.“ ?

Wie hätte ich mich verhalten, wenn ich die Situation von vorne herein richtig erkannt hätte? Wie und wann hätte ich meinem Pferd die Sicherheit geben können, dass es mit mir gemeinsam diese Situation meistern wird?

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