Pferdepsychologie Linda Schüller

Der kleine aber feine Unterschied – Probleme bei der Fütterung

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, was es bedeute, wenn ein Pferd seine Pellets immer aus dem Futtereimer schubst, in der gesamten Box verteilt und anschließend dann doch vollständig frisst. Das Pferde scharre dabei häufig mit einem Vorderbein in der Luft.

Um dieses Verhalten verstehen zu können, ist es wichtig zu wissen, dass der natürliche Lebensraum der Pferde die weite, karge Steppe ist, und dass das Pferd auch heute noch körperlich, psychisch und emotional an dieses Leben angepasst ist.

Jede Form von Kraftfutter, sei es nun Müsli, Pellets oder auch gepresste Heucobs, sind erst mal unnatürlich für das Pferd. Der Verdauungstrakt, aber natürlich auch der restliche Körper sind dazu ausgelegt, langsam und über viele Stunden hinweg energiearmes Raufutter aufzunehmen. Das Futter unserer heutigen Hauspferde, das dem kargen Steppengras am nächsten kommt, ist und bleibt das Heu und dieses sollte über den Tag verteilt immer wieder in ausreichender Menge aufgenommen werden können. Natürlich fressen Pferde in der freien Natur auch schon mal Samen, Wurzeln, Laub oder Rinde, aber auch das muss mühsam zusammen gesucht werden und steht niemals kiloweise zur Verfügung.

Kraftfutter ist sowohl aufgrund seines Energiegehalts (viel höher als im Heu), seiner pelletierten Form (es entsteht ein Ungleichgewicht zwischen der Befriedigung des Kaubedürfnisses und der aufgenommenen Energie), der Häufigkeit der Fütterung (i.d.R. portionsweise 2-3x pro Tag) sowie der tatsächlich gefütterten Menge (ggf. zu viel für den im Vergleich zur Körpergröße eher kleinen Pferdemagen) grundsätzlich nicht pferdegerecht und sollte daher lediglich die tägliche Heufütterung ergänzen, um eine gute Versorgung mit Mineralen sicherzustellen oder aber besonders schwerfuttrigen Pferden genügend Energie bereit zu stellen.
Jetzt sind Heucobs sicherlich kein reines Kraftfutter, aber aufgrund der pelletierte Form etc. gilt das oben gesagte.

Das Futter aus dem Eimer werfen deutet erst mal auf spielerisches Verhalten hin, dem sogenannten Objektspiel. Häufig wird es es von Wallachen gezeigt, die auch sonst vielleicht eher neugierig und verspielt sind und zu bestimmten Zeiten portionsweise gefüttert werden.

Das Pferd bearbeitet die Pellets und den Eimer mit dem Maul, verteilt die Pellets in der Gegend und sucht sie sich dann wieder zusammen, um sie dann zu fressen.

Dieses Verhalten erfüllt gleich mehrere Bedürfnisse: Es erkundet den Inhalt des Eimers, das Herauswerfen macht vermutlich Geräusche (zusätzlich zum Schimpfen des Menschen 😉 ), die einen Reiz darstellen, beim Zusammensuchen zeigt es wieder Erkundungsverhalten und Nahrungsaufnahme betreibt das Pferd natürlich nebenbei auch noch.

Die Frage ist hier, warum der Mensch möchte, dass das Pferd aus dem Trog oder einem Eimer frisst?

Gerade in Boxenhaltung macht es natürlich Sinn, das Futter aus Eimern anzubieten, um eine Verschmutzung des Futters in der Einstreu zu verhindern, bzw. das Pferd darin zu hindern, mit dem Futter zu viel Schmutz aufzunehmen. Bei Gruppenhaltung macht es Sinn, jedem Pferd einen Eimer anzubieten, um die Energieaufnahme der verschiedenen Pferde besser kontrollieren zu können.

Diese Punkte sind dem Pferd jedoch völlig egal.

Auch das Scharren in der Luft kann dem Spielverhalten zugeordnet werden. In seinem Ursprung ist auch das Scharren ein natürliches Verhalten des Pferdes und dient z.B. dazu, Wurzeln auszugraben oder Schnee vom Gras zu entfernen und kann somit Bestandteil der Nahrungsaufnahme sein. Scharren dient aber auch dazu, Untergründe und Objekte auf ihre Beschaffenheit zu untersuchen.

Aber…!

Sollte zu dem dargestellten Verhalten aber zusätzlich eine hohe Muskelspannung auftreten, das Pferd legt die Ohren an, droht seinem Boxennachbarn, beißt in den Trog o.Ä., sollten die Alarmglocken schrillen!

In diesem Fall ist nämlich nicht mehr nur von harmlosem Spielverhalten auszugehen, denn das Pferd zeigt massive Stressreaktionen. Das Herumrühren im Futtereimer kann dann auch eine Übersprungshandlung sein, weil das Pferd die Menge Kraftfutter nicht schnell genug herunterschlingen kann, um der Stresssituation mit einem Boxennachbarn zu entgehen.

In der Beschreibung dieser Fresssituationen ist vielleicht oftmals kein großer Unterschied, vielleicht fällt dem Besitzer der hohe Muskeltonus gar nicht so auf, weil das Pferd ohnehin immer angespannt ist. Vielleicht ist dem Besitzer aber auch bewusst, dass das Pferd sich mit seinem Boxennachbarn nicht versteht, aber er weiß nicht, wie er seinem Pferd helfen soll oder ist aus anderen Gründen nicht bereit, etwas an der Situation zu verändern.

Aus diesem Grund ist es in der Pferdeverhaltenstherapie so wichtig, immer eine vollständige Anamnese durchzuführen, das geschilderte Problem von allen Seiten zu beleuchten, um zu erkennen, welche Ursache wirklich hinter einem gezeigten Verhalten steht.

Permanenter Stress, sowohl bei der Fütterung als auch in der restlichen Zeit des Tages, führt bei Pferden, genau wie bei uns Menschen, früher oder später zu den unterschiedlichsten Erkrankungen.

 

Wie stellst du die Fütterung deines Pferdes sicher und wie verhält es sich während der Fütterung?
Schreib mir in den Kommentaren oder per Email und erzähle mir, welche Fragen oder Probleme dich beschäftigen!

2 thoughts on “Der kleine aber feine Unterschied – Probleme bei der Fütterung

  1. Roswitha

    Hallo….mein Pferd steht in einem Offenstall. Der befindet sich ca. 5 Minuten Fußweg vom eigentlichen Stall entfernt.
    Wenn wir unten am Stall sind, fütter ich ihn nach der Arbeit in einer Box.
    Sobald ich mit dem Trog komme, legt er total die Ohren an und wird richtig ungehalten.
    Das machte er ob ein Pferd nebenan in der Box steht oder nicht.
    Er ist sonst ein absolut freundliches Pferd. Starken Hunger kann er auch nicht haben, er kann jederzeit Heu fressen.
    Ich kann mir das Verhaltrn nicht erklären. Habe ich die Möglichkeit darauf Einfluss zu nehmen?
    Über eine Antwort würde ich mich freuen.
    Herzliche Grüße
    Roswitha Wilhelmy

    1. admin Post author

      Hallo Frau Wilhelmy,
      ein Pferd hat für ein Verhalten immer einen Grund, und um diesen herauszufinden, ist stets eine vollständige Anamnese sowie eine genaue Analyse des Verhaltens erforderlich.

      Vielleicht kann ich Ihnen aus der Ferne aber trotzdem ein paar hilfreiche Gedanken schicken.
      Wichtig wäre zunächst, genau zu beobachten, ob die Aggression aktiv (Angriff) oder Passiv (Verteidigung) ist; richtet sie sich konkret gegen den Menschen oder ist es eher ein Ausdruck von großer Unzufriedenheit? Hat das Pferd evtl. negative Erfahrungen in der Box an sich, oder auch beim Füttern selbst gemacht? Wann trat das Verhalten erstmalig auf? Wurde ihm evtl. (auch durch Vorbesitzer oder Stallbedienstete…) aufgrund seines Verhaltens das Futter in Sichtweite vorenthalten, um ihn zur Vernunft zu bringen, und das Verhalten damit noch gesteigert?
      Es könnte sich bei der von Ihnen geschilderten Situation also auch um erlerntes Verhalten handeln.

      Dass das Pferd immer Heu zur Verfügung hat ist schon mal sehr gut.
      Ohne vollständige Erfassung der Situation würde ich trotzdem folgendes empfehlen:

      Bereiten Sie das Futter vor, bevor sie das Pferd aus dem Offenstall holen, oder aber während er später in der Box steht. Stellen Sie den Futtereimer in die Reithalle, hinter den Stall, irgendwo auf den Weg zurück in den Offenstall oder sonst wo, und gehen sie dann gemeinsam (ohne Gabe von Leckerchen) mit dem Pferd zu dem Futter. Also bitte bringen Sie das das Pferd zum Futter und nicht das Futter zum Pferd. Deshalb bitte auch nicht Pferd und Futtereimer zusammen nehmen, sondern immer erst Eimer, dann Pferd 😉 Falls das Pferd dann nach einiger Zeit zu der neuen Futterstelle hindrängen sollte, können die Stellen auch täglich variiert werden.

      Diese Vorgehensweise hat zwei Vorteile:
      Das Pferd gerät nicht mehr in die Erwartungshaltung, „brav“ und bewegungslos in einer engen Box, wo es sich nicht oder nur wenig bewegen kann und keinerlei Einfluss auf das Geschehen hat, zu warten, bis es fressen darf, sondern kann auf dem Weg zum Futter seine Füße bewegen und somit etwas Erregung (falls die dann überhaupt noch da ist) abbauen.
      Außerdem wird die Beziehung zu Ihnen gestärkt! Das Pferd freut sich, dass Sie ihm zeigen, wo eine gute Stelle zum Fressen ist.
      Geben Sie dem Pferd einige Zeit, bis es das neue System verstanden hat.

      Ich wünsche Ihnen viel Erfolg! 🙂
      Viele liebe Grüße,
      Linda

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